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Ich passe nicht mehr in diese Welt, ich passe da nicht mehr hinein. (Seite 487)

 

Cover: Das Geheimnis der MaurinZum Inhalt

Andalusien 1491, nach der Eroberung Granadas. Das Buch setzt kurz nach dem Ende der "Maurin" ein. Auf der Flucht nach Portugal werden Zahra und ihre Familie überfallen, die Tochter Chalida entführt. Nun müssen sie zurückkehren und Jaimes Bruder Gonzalo bitten, ihnen bei der Suche zu helfen. Es gelingt ihnen, sich unter den veränderten Verhältnissen einzurichten, aber das Leben wird von Tag zu Tag schwerer.
Die Autorin ruft ein bedrückend-düsteres Kapitel der (europäischen) spanischen Geschichte ins Gedächtnis, das zum Nachdenken über das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religion anzuregen vermag. Insofern ist ihr Buch zeitlos aktuell.

 

 

Vorbemerkung

Das Buch setzt wenige Tage nach dem Ende der "Maurin" ein. Inhaltsangabe wie diese Rezension verraten daher zwangsläufig wesentliche Inhalte des Vorgängerbandes.

 

Kommentar / Meine Meinung

Aber wie ... wie hört man auf zu hassen? (Seite 110) So fragt Zahra an einer Stelle des Buches. Mit diesem sowie dem oben zitierten sind eigentlich zwei zentrale Themen des Buches, auf die man es reduzieren könnte, genannt. Auf den rund fünfhundertfünfzig Seiten Text stellt man sich auch als Leser wieder und wieder unwillkürlich diese - und ähnliche - Fragen, ohne eine letztgültige Antwort darauf zu erhalten. Aber vielleicht will das Buch auch zeigen, daß es eine solche Antwort schlicht und einfach nicht gibt.

Ich passe nicht mehr in diese Welt, ich passe da nicht mehr hinein. Wenn ich bedenke, wie sich in der Lebensspanne meines Vaters die Welt veändert hat. Wenn ich an das Vorwort zu Gustav Freytags „Karl Mathy“, seiner Biographie jenes badischen Politikers des 19. Jahrhunderts denke, in welchem er die Veränderungen der Welt während dessen sechzig Lebensjahren schildert. Und wenn ich schließlich an die Veränderungen denke, die wir hier im Verlauf der ungefähr fünfzehn Jahre dieses Buches denke - welche Generation könnte diesen Ausspruch eigentlich nicht tätigen? Mir jedenfalls ist dieser Gedanke mehr als vertraut.

Das Buch setzt kurze Zeit nach dem Ende der „Maurin“ ein, und es war gut, daß ich den Vorgängerband direkt zuvor wieder gelesen hatte, so war ich gleich drinnen im Geschehen, das mehr als dramatisch beginnt. Und diese Dramatik wird fast durchgehend anhalten bis zum Finale dieses - für meine Begriffe - relativ düsteren Buches. Aber kann man über diese Ereignisse anders als „düster“ erzählen?

Der Krieg ist vorbei, die Mauren haben kapituliert, jetzt muß das Leben weitergehen - irgendwie. Schon damals waren Zusagen von Politikern (auch wenn sie sich „König“ nannten) oft nicht das Papier wert, auf das sie geschrieben waren. Das müssen unsere „Helden“ mehr als ein mal im Verlauf der Handlung leidvoll erfahren. Wie man der historischen Nachbemerkung entnehmen kann, sind zwar die Mitglieder der Familie as-Sulami fiktiv, ein guter Teil der ansonsten auftretenden Personen sowie die beschriebenen Ereignisse jedoch nicht. Die lassen sich in Geschichtsbüchern nachlesen.

Mit einer der Gründe, die mir das Buch so schmerzhaft zu lesen machten. Wenn ich da von der fanatischen Verfolgung - entgegen allen Zusicherungen - der Mauren (und Juden) durch die Inquisition lese, so ist alleine schon der Gedanke, daß das wirklich so war, ein furchtbarer. Die Autorin verschont uns nicht von all dem Schlimmen das den Menschen damals zustieß. Dankenswerterweise jedoch verschont sie uns so weit als möglich von Detailschilderungen jeglicher Grausamkeiten, sondern beläßt es oft bei Andeutungen oder Hinweisen - ein großes Plus des Buches.

Wir verfolgen die Erlebnisse der aus dem Vorgängerband bekannten Familie durch die weiteren Jahre nach dem Kriegsende. Aus der Geschichte ist bekannt, wie das ausging, und so kann es auch im Buch nicht anders verlaufen. Gerade das macht es düster, bisweilen bedrückend, und wenn ich etwa an die Auftritte des Inquisitors Cisneros denke, fast schon körperlich schmerzhaft.

Die Handlungsträger waren bekannt, werden jedoch so eingeführt, daß man auch ohne „Die Maurin“ gelesen zu haben, gut zurecht kommen sollte. An manchen Stellen notwendiges Vorwissen wird quasi nebenbei erwähnt, so daß sich keine Verständnislücken auftun. Durch die immer stärker werdende Konfrontation zwischen Christentum und Islam verändern sich zwangsläufig auch die Figuren und deren Handlungsweise. Das betrifft vor allem Zahra, die ich fast nicht wieder erkannt habe und deren Denk- und Handlungsweise ich des öfteren nur schwer bis gar nicht nachvollziehen konnte. Sie wie auch der herangewachsene Abdarrahman (ihr erstgeborener Sohn) verhielten sich über weite Strecken so, wie ich es von Moslems erwarten würde (das ist jetzt eine Festellung, keine Wertung!). Auch ein paar Tage nach dem Lesen bin ich mir noch nicht im Klaren, ob das nun gut oder schlecht ist.

Über weite Strecken ist die Geschichte eher aus Sicht der unterlegenen Mauren erzählt. Es war mehr als nur bedrückend, wenn der Inquisitor seine Giftreden verbreitete, wenn von der Inquisition, ihren Schergen sowie Zielen und Methoden zu lesen war, oder auch das Königspaar auftrat. Bisweilen war es dicht an, oder auch jenseits der Schmerzgrenze des Erträglichen und tat mir fast schon körperlich weh, wenn ich daran dachte, daß das damals vermutlich wirklich die Ansicht und Handlungsweise der Betreffenden war. Jedoch hat sich im Denken (und Handeln) des Christentums in den letzten fünfhundert Jahren zum Glück doch einiges sehr verändert. Es stellt sich für mich unweigerlich die Frage, ob denn heute ein friedliches Zusammenleben der Religionen, wie wir es innerhalb der Familie über manche Zeiträume hinweg erleben, möglich wäre, auch im Großen. Wenn ich mich in der Welt so umsehe, ist die Antwort eine eher pessimistische.

Das Buch ist flüssig lesbar geschrieben, mit einer genau richtigen Mischung aus Handlung und Beschreibung. Personen wie Orte konnte ich mir gut vorstellen, an manchen Stellen lief das Kopfkino deutlicher ab, als ich es mir gewünscht hätte. Sehr positiv das umfangreiche Personenregister, das Glossar sowie die beigegebenen Karten. Lediglich der Titel des Buches hat sich mir bis zum Ende nicht so ganz erschlossen.

Zwar leicht zu lesen, ist das inhaltlich gesehen kein leichtes Buch. Christentum, Judentum und Islam in einer Familie in einer bedrängenden Zeit. Die Konfrontation der Religionen ist heute so aktuell wie damals, die Problematik insofern zeitlos und hochaktuell. Ob sich dafür irgendwann eine Lösung bieten wird, mag die Zeit zeigen. Irgendwann. Wenn „der Mensch“ aus der Geschichte gelernt haben wird. Wann auch immer das sein wird. Wenn überhaupt.

 

Kurzfassung

Die Familie as-Sulami muß die schweren Zeiten nach der Kapitulation der Mauren überleben. Ein bedrückend-düsteres Kapitel der (europäischen) spanischen Geschichte, das zum Nachdenken über das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religion anzuregen vermag.

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Bibliographische Angaben

573 Seiten, kartoniert. Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag, München 2012